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Frau sitzt auf einer Matte und macht Dehnübungen im Wohnzimmer Foto von Vitaly Gariev auf Unsplash

Physiotherapie bei Inkontinenz: Wie Übungen helfen

12. Januar 2026

Inkontinenz ist ein Thema, über das viele ungern sprechen – obwohl es sehr häufig vorkommt. Besonders Frauen erleben im Laufe ihres Lebens eine Blasenschwäche, oft nach Schwangerschaft, Geburt oder in den Wechseljahren. Auch Männer sind betroffen, vor allem nach Operationen an der Prostata. Die gute Nachricht: Physiotherapie und gezieltes Beckenbodentraining können Inkontinenz nachhaltig verbessern oder sogar vollständig beheben.

Was ist Inkontinenz? Eine kurze Einführung

Unter Inkontinenz versteht man den unkontrollierten Verlust von Urin. Je nach Ursache unterscheidet sich die Therapie – die Physiotherapie spielt jedoch bei fast allen Formen eine zentrale Rolle. Die häufigsten Formen der Inkontinenz sind:

1. Belastungsinkontinenz

Unfreiwilliger Urinverlust bei körperlicher Belastung wie:

  • Husten
  • Niesen
  • Lachen
  • Tragen
  • Sport

Bei Belastung kann die Harnblase nicht mehr richtig verschlossen werden. Dabei ist die Ursache in der Regel ein geschwächter Beckenboden (zum Beispiel nach einer Schwangerschaft oder einer Operation).

Schweregrade einer Belastungsinkontinenz

Je nach Schweregrad kann man unterscheiden in:

  • Grad 1: Urinverlust beim Husten, Niesen, Heben
  • Grad 2: Urinverlust beim Gehen oder Aufstehen
  • Grad 3: Urinverlust im Liegen

2. Dranginkontinenz

Bei einer Dranginkontinenz spüren Betroffene plötzlich einen starken Harndrang, obwohl die Harnblase noch nicht voll ist. Die Folge: Betroffene verlieren unfreiwillig immer wieder kleine Mengen an Urin.

3. Mischinkontinenz

Kommen Belastungs- und Dranginkontinenz gleichzeitig vor (also Urinverlust bei starkem Harndrang ohne volle Blase sowie bei Belastung) spricht man von einer Mischinkontinenz. Sie kommt sehr häufig mit zunehmendem Lebensalter vor.

4. Überlaufinkontinenz

Wenn der Urin nicht richtig aus der Blase ablaufen kann, spricht man von einer Überlaufinkontinenz. Dadurch wird die Harnblase überdehnt und der Druck führt dazu, dass Betroffene ungewollt kleine Menge Urin verlieren.

5. Reflexinkontinenz/ Neurogene Inkontinenz

Sind die Nerven an dem Schließmuskel der Harnblase geschädigt, funktioniert die Entleerung der Blase nicht mehr richtig. So kann es bei Betroffenen zu plötzlichen Urinverlusten kommen.

6. Extraurethrale Inkontinenz

Bei diesem seltenen Typ der Inkontinenz fließt der Urin nicht durch die Harnröhre ab, sondern über sogenannte Fistelgänge. Dies ist meist angeboren. Eine operative Korrektur ist hier die beste Lösung.

Mögliche Ursachen einer Inkontinenz

Blasenschwäche kann verschiedene Ursachen haben. Zu den häufigsten Gründen zählen zum Beispiel:

  • geschwächte Beckenboden-, Rücken- und Bauchmuskulatur (z.B. nach einer Geburt)
  • Operationen (z.B. bei Prostata)
  • Wechseljahre
  • Chronische Atemwegserkrankungen
  • Zu wenig Bewegung
  • Bindegewebsschwäche

Warum Physiotherapie bei Inkontinenz so wirksam ist

Physiotherapie ist eine der wichtigsten Behandlungsmethoden bei Harninkontinenz – sowohl für Frauen als auch für Männer. Der Grund dafür ist, dass Inkontinenz häufig nicht allein durch Medikamente oder Verhaltensänderungen verbessert werden kann, sondern durch ein Zusammenspiel aus Muskeltraining, Haltungsarbeit, Atemtechnik und bewusstem Umgang mit dem eigenen Körper. Genau hier setzt die Physiotherapie an und bietet ein umfassendes, ganzheitliches Konzept.

Die wichtigsten Ansatzpunkte sind dabei:

1. Verstehen, wie Beckenboden, Blase und Darm zusammenarbeiten

Viele Betroffene wissen nicht, wie der Beckenboden aufgebaut ist, welche Funktionen er erfüllt und warum er bei Belastung nachgeben kann. In der Physiotherapie gehört deshalb immer auch Aufklärung dazu:

  • wie Blase, Darm und Beckenboden zusammenarbeiten
  • warum bestimmte Bewegungen oder Atemmuster den Druck im Bauchraum erhöhen
  • wie Inkontinenz entsteht
  • welche Verhaltensweisen Beschwerden verschlimmern oder verbessern

Dieses Wissen nimmt Angst und Unsicherheit – und schafft eine Grundlage, die Übungen korrekt auszuführen.

2. Verbesserung der Wahrnehmung für Haltung und Muskulatur

Ein häufiger Grund für Inkontinenz ist, dass Patient:innen ihren Beckenboden nicht bewusst ansteuern können. Viele spüren die Muskulatur nicht oder aktivieren statt des Beckenbodens Bauchmuskulatur, Gesäßmuskulatur oder Oberschenkelmuskulatur.

Physiotherapie hilft, gezielt wahrzunehmen:

  • Wo sitzt der Beckenboden eigentlich?
  • Wie fühlt sich Anspannung an?
  • Wie fühlt sich Entspannung an?
  • Wie verändert Haltung die Muskelarbeit?

Verbesserte Wahrnehmung ist eine Voraussetzung für wirksames Beckenbodentraining.

3. Optimierung von Atem- und Haltungsmustern

Atem- und Haltungsmuster beeinflussen den Druck im Bauchraum – und damit direkt die Blase. So erhöht Pressatmung beispielsweise den Druck auf den Beckenboden und flache flache Brustatmung führt zu Verspannungen und Fehlbelastungen.

Physiotherapie zeigt:

  • wie Sie mit der Ausatmung den Beckenboden aktivieren
  • wie aufrechte Haltung den Beckenboden entlastet
  • wie Sie Belastungen ohne zusätzlichen Druck ausführen
  • wie Sie die Atmung bewusst einsetzen, um Kontrolle zurückzugewinnen

Schon kleine Veränderungen im Alltag können Beschwerden spürbar reduzieren.

4. Tipps zu Alltagsverhalten, Belastung und Toilettengewohnheiten

Zur Harninkontinenz-Therapie gehört immer auch der Blick auf das Verhalten im Alltag. Kleine Fehler können Beschwerden verstärken, darunter:

  • „vorsorgliches“ Wasserlassen
  • zu geringe oder zu hohe Trinkmenge
  • Pressen beim Toilettengang
  • schwere körperliche Belastung
  • ungünstige Hebetechniken

Die Physiotherapie vermittelt:

  • wie Sie die Blase trainieren, ohne sie zu überfordern
  • sinnvolle Trinkgewohnheiten
  • Tricks zur Reduktion von plötzlichem Harndrang
  • wie Sie Belastungen schonend ausführen
  • wie Sie Toilettengewohnheiten verbessern

So wird der Beckenboden nicht nur gestärkt, sondern auch im Alltag entlastet.

Zwei Frauen machen Fitnessübungen mit einem Gymnastikball auf Matten im Fitnessstudio.
Foto von Ahmet Kurt auf Unsplash

Beckenbodentraining für Inkontinenz in der Physiotherapie

Was macht gutes Beckenbodentraining aus?

Ein wirksames Beckenbodentraining bei Inkontinenz besteht aus:

  • Anspannen & Entspannen
  • Halten & Loslassen
  • Koordination mit Atmung
  • Bewegungsübungen im Alltag
  • Übungen in verschiedenen Positionen

Die Verbesserung erfolgt nicht über Kraft allein – sondern über Kontrolle und Timing.

Typische Übungen aus der Physiotherapie

1. Grundübung: Wahrnehmen des Beckenbodens

  • Legen Sie sich entspannt auf den Rücken.
  • Atmen Sie ruhig ein und aus.
  • Beim Ausatmen ziehen Sie sanft den Beckenboden nach innen/oben.
  • Beim Einatmen entspannen.

Ziel: Muskel bewusst spüren.

2. "Fahrstuhlübung"

  • Legen Sie sich entspannt auf den Rücken und stellen Sie die Beine leicht gegrätscht auf. Atmen Sie ruhig ein.
  • Beim Ausatmen spannen Sie den Beckenboden an und ziehen ihn gedanklich Etage für Etage nach oben Richtung Körpermitte – wie ein Fahrstuhl, der langsam hochfährt.
  • Oben kurz halten.
  • Dann den „Fahrstuhl“ kontrolliert wieder nach unten fahren lassen und die Spannung beim Einatmen lösen.

Fördert Kontrolle und Koordination.

3. Training gegen Belastungsinkontinenz: Anspannen vor Belastung

Auch als “The Knack” bekannt:

  • Beckenboden aktivieren, bevor Sie husten, niesen oder etwas Schweres heben.
  • Damit stabilisieren Sie die Blase und verhindern Urinverlust.

Eine zentrale Technik bei Belastungsinkontinenz.

Wie oft sollte man Beckenbodentraining machen?

Für nachhaltigen Erfolg gilt: kurz, regelmäßig, sorgfältig.

Empfehlung:

  • 5–10 Minuten täglich
  • 3–4 Übungen pro Einheit
  • regelmäßige Integration in den Alltag

Viele Menschen sehen erste Verbesserungen nach 3–6 Wochen, deutliche Fortschritte nach 8–12 Wochen.

Harninkontinenz-Therapie in der Physiotherapie: Was gehört dazu?

Neben klassischem Beckenbodentraining umfasst die Therapie:

1. Biofeedback

Geräte zeigen, ob der Beckenboden richtig anspannt. Besonders hilfreich für Menschen, die die Muskulatur kaum spüren.

2. Elektrostimulation

Bei sehr schwacher Muskulatur kann sanfte Elektrostimulation die Aktivierung unterstützen.

3. Verhaltenstherapeutische Beratung

z. B. bei Dranginkontinenz:

  • Blasentraining
  • Trink- und Toilettenrhythmen
  • Reizreduktion (z. B. Kaffee, Alkohol)

4. Manuelle Techniken

Physiotherapeutische Grifftechniken unterstützen die Entspannung oder Aktivierung je nach Problem.

Wann sollte man professionelle Hilfe suchen?

Sie sollten eine physiotherapeutische Behandlung beginnen, wenn:

  • Sie regelmäßig Urin verlieren
  • Sie unsicher sind, wie Sie den Beckenboden aktivieren
  • Beschwerden länger bestehen
  • Sie nach Operationen Unterstützung benötigen
  • Beckenbodenübungen allein nicht wirken

Eine physiotherapeutische Untersuchung klärt, ob Muskulatur eher schwach oder zu angespannt ist – denn beide Zustände können Inkontinenz auslösen.

Fazit: Physiotherapie bei Inkontinenz – wirksam, alltagstauglich und oft unterschätzt

Inkontinenz ist weit verbreitet, aber gut behandelbar. Besonders die Kombination aus Physiotherapie, individuellem Beckenbodentraining und einem besseren Verständnis für Körper und Alltag bietet Betroffenen eine große Chance auf mehr Lebensqualität.

Mit der richtigen Anleitung können Sie den Beckenboden stärken, Ihre Blasenkontrolle verbessern und Schritt für Schritt mehr Sicherheit gewinnen.

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